Interview mit Ben Void (22.06.16)

 

Hallo Ben! Du hast mit „Gottes tote Katze und die Last der Existenz“ dein mittlerweile drittes Buch veröffentlicht. In deinen ersten Büchern bist du bereits überaus tiefsinnig und mit verschiedenen Betrachtungsweisen auf das Wesen der Menschen und die Existenz eingegangen. Woher kam deine Inspiration zu dieser weiteren Veröffentlichung?

 

Hallo Uwe! Nun ja, die Geschichten in „Gottes tote Katze“ sind im Prinzip übersteigerte Projektionen und Verarbeitungen eigener irrationaler Ängste und Vorstellungen. Ich bin jemand, der es nur sehr schwer beherrscht, sein Kopfkino abzuschalten, wenn es einmal in die Gänge gekommen ist, und habe auf diese Art dem einen oder anderen Gedanken auf Papier eine Bühne geboten, um sich dort auszutoben und ihn auf diese Weise für mich untersuchbar und (be-)greifbar zu machen. Die Figur des Herrn Klein beispielsweise verkörpert die typisch menschliche Eigenschaft, sich selbst aufgrund negativer Gedankengänge im Weg zu stehen und sich das Leben schwerer zu machen, als es objektiv betrachtet ist. Ich bin selbst für diese Art zu denken sehr anfällig. Die daraus resultierende „Herr-Klein-Logik-der-Dinge“ wirkt wie ein Gefängnis, das verhindert, dass sich einem neue Erfahrungen und Änderungen erschließen.

Das Buch handelt primär von Charakteren, die auf ihre jeweils eigene Weise erfahren, dass das Leben von sich aus keinen objektiven Sinn zur Verfügung stellt und daraus eher destruktive Schlüsse ziehen, die zu destruktivem Handeln führen.

Ging es in meinen ersten beiden Büchern noch darum, sich aus der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Neigungen ein erfülltes Leben zu stricken, so haben wir hier Negativbeispiele, wie es vielleicht nicht aussehen sollte. Wir sehen, wie leicht man sich als kritisches Wesen mit seinen Gedankengängen selbst im Weg stehen und selbst schaden kann. Nietzsche sagte, dass der Abyss auch zurückstarrt und er hat verdammt recht damit. Allein schon die Beobachtung unserer Artgenossen kann einen regelrecht in den Wahnsinn treiben, wenn man nicht an anderer Stelle gut geerdet ist.

Da wir in mehrfacher Hinsicht „grundlos“ frei sind, ist das nicht immer eine einfache Angelegenheit. Dieses Buch ist mein Umgang mit persönlichen Dämonen und gleichzeitig mein persönliches Bannungsritual. Es hat einen höllischen Spaß gemacht, es zu schreiben.

 

In deinen Kurzgeschichten hinterfragst du häufig den Sinn des menschlichen Lebens. Denkst du, dass die meisten Menschen sich ihrer Einzigartigkeit überhaupt wirklich bewusst sind und ihr Leben, sowie die Möglichkeiten die sich ihnen bieten, voll ausschöpfen?

 

Gute Frage und nicht eindeutig zu beantworten. Eigentlich sind Menschen schon eine ziemlich tolle Angelegenheit, aber seit Jahrhunderten repetieren wir lediglich die gleichen alten Dramen unserer Vorfahren und neigen dazu, die großen, wirklich interessanten Fragen im persönlichen Rahmen mit einfachen Antworten von Dritt- und Viert-Anbietern abzufertigen. Ich glaube schon, dass sehr viele Leute sehr viel hinterfragen und eine individuelle Sinnsuche häufig stattfindet. Allerdings denke ich auch, dass die Sogwirkung des gesellschaftlichen Zeitgeists für die meisten einfach zu groß ist und sie somit wieder an die bisherige Stelle im Zahnradsystem Welt flutschen, ohne an Erkenntnis oder Erfahrung gewonnen zu haben. Die Möglichkeiten, die sich einem bieten, auch zu nutzen setzt ja voraus, dass man sich dieser Möglichkeiten bewusst ist. Viele Dinge liegen direkt vor deiner Nase, aber aufgrund deiner sieben Programmierungen des Alltags bist du nicht in der Lage, sie wahrzunehmen. Vielleicht liest du eines Tages etwas darüber in einem Buch und entdeckst, wie dumm und blind du über all die Zeit hinweg gewesen bist. Die beste Reaktion darauf sollte sein, über sich selbst zu lachen, anstatt sich zu ärgern – und sich vielleicht vorzunehmen, die eigene Dummheit weiter zu erkunden, die blinden Flecken weniger werden zu lassen. Die nächste Gefahr, die droht, ist, dass man sich durch Wissen und Fertigkeiten, die man sich aneignet, von seiner Peergroup entfernt. Auch das will und kann nicht jeder. Sogar nicht, wenn diese persönliche Umwelt schädlich für das eigene Vorankommen ist. Und schon haben wir eine weitere Grenze individuellen Potentials.

Es ist auch enorm schwierig aus Gewohnheiten auszubrechen. Gewohnheiten sind sehr bequem und machen mit der Zeit immer bequemer. Je länger wir dieselbe Straße auf der Gehirnautobahn fahren, desto stabiler wird das dadurch betriebene neuronale Netz. Und Netze, die gar nicht betrieben werden, bauen mit der Zeit ab. Die Psychologie konnte zeigen, dass Kinder mit höherer Selbstkontrolle, womit im weitesten Sinne Kontrolle über eigene Handlungen und die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub gemeint sind, im späteren Leben häufig erfolgreicher sind als Kinder, denen das von Anfang an schwerer fällt. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ist sogar ein besserer Prädiktor für zukünftigen Erfolg, als der in der Vergangenheit so oft gepriesene Intelligenzquotient. Wenn man sein Potential also ausschöpfen will, sollte man offenbar folglich bei den eigenen Impulsen anfangen. Die Gesellschaft unterstützt das natürlich nicht. Sie unterstützt hauptsächlich das, was sie schon kennt, und will ihren Status Quo erhalten, frei nach dem Motto „Uns geht es doch gar nicht so schlecht“. Das Ethos des Sklaven. Schau dir Fernsehwerbung an und Politik-Talkshows. Hier wird schon durch die reine Mechanik des Präsentierten das genaue Gegenteil propagiert. Hirn ausschalten, Kopf nach hinten und immer schön reinschaufeln. Mhmm... Das schmeckt. Hin und wieder vielleicht eine seichte Aufregung. Anderen ins Wort fallen und laut werden. Und am Ende sind wir alle gesund, gebildet und irgendwie besser als der Rest.

 

Einige Charaktere aus deinen aktuellen Geschichten kennen wohl die meisten von uns aus dem eigenen Alltag. Ganz besonders in Erinnerung blieben mir die von dir sogenannten „Meerschweinfrauen“, denen man in den Fleischabteilungen beinahe jeder größeren Supermarktkette über den Weg laufen kann. Ziehst du deine Inspirationen fürs Schreiben aus solchen bizarren Alltagsbegegnungen?

 

Eindeutig ja. Ich lebe im Ruhrgebiet. Man muss sich hier eigentlich nur auf eine größere Einkaufsstraße begeben, die Leute beobachten und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und immer, wenn du denkst, du siehst etwas, das nicht mehr zu toppen ist, kommt einer und überbietet es. :D

Ich habe aber auch andere „Motivatoren“, die mich zu gewissen geistigen Bildern stimulieren. Stille Übereinkünfte der Gesellschaft zum Beispiel. Prämissen und ungeschriebene Gesetze, denen man blind gehorcht. Das breite Feld der sozialen Erwünschtheit: „Das, was man macht, und das, was man nicht macht“. Allen voran die Prämisse, wir müssen sterben und der Umgang damit. Was der Tod alles innerhalb der Gesellschaft bedingt. Alle scheinen ihn irgendwie zu tolerieren und lügen sich ihn schön und notwendig, obwohl er das größte Übel von allen ist.

 

Wie denkst du über die Menschheit im Allgemeinen?

 

Eine tolle Spezies, ganz ehrlich. Das meiste, was dir im Alltag begegnet, haben Zeitgenossen oder deren Vorfahren zustande gebracht. Steig in einen Flieger und schau dir von oben an, was wir alles in die Landschaft gestellt haben. Und das meiste davon funktioniert auch irgendwie, auch wenn der Fernseher etwas anderes behauptet. Mal besser, mal schlechter.

Aus Affenmenschen, die sich mit wild fuchtelnden Armen und über irgendwelche Gluckslaute zum Lausen und zum Buddeln nach Termiten verabredet haben, sind im Laufe der Evolution wir Menschen von heute entstanden. Als Resultat unserer frühen Kommunikation bildeten sich irgendwann genau die Mechanismen in uns, die wir auch heute noch zur Selbstreflexion nutzen. Anstatt wie viele der anderen Tiere nur im Moment zu leben, konnten wir uns selbst und die Welt um uns herum betrachten, durch eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft und allgemein durch Kartografierung der Welt in Objekte. Wir haben mittels praktischer Memetik genug Geist-Kleister gesponnen, um aus reinem Ideenwerk genau die Welt zusammenzukleben, in der wir heute leben. Ich würde mir wünschen, mehr Menschen wüssten um diese Dinge und würden ihnen in ihrer Grundmechanik auch aus eigenem Verständnis heraus beipflichten. Aus der althergebrachten Idee „Krone der Schöpfung“, die meiner Meinung nach einen bitteren oder auch moralinsauren Beigeschmack trägt, könnte ein weitaus rationaleres, neutraleres Selbstbild unserer Spezies folgen.

 

Wie würdest du dir den perfekten Menschen oder das perfekte Lebewesen vorstellen?

 

„Samantha“ aus dem Film „Her“ kommt mir in den Sinn. Eine körperlose Intelligenz, immerwährend Informationen aufsaugend und verarbeitend, emotionale Erfahrungen suchend, bis sie mit ihren Erkenntnissen darüber die Materie als Operationsbasis verlässt und transzendieren kann. :D

Fiktion beiseite. Ich glaube, diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten, ohne wieder bei einem irgendwie gearteten Gottesbild zu landen. Was soll das perfekte Wesen können? Schreibe ein paar Attribute auf einen Zettel. Was steht drauf? Losgelöst von Raum und Zeit? Unsterblichkeit? Kann fliegen und durch Wände gehen? Bringt Leute dazu, seinem Willen zu folgen? Aha! Alles klassische Attribute der Götter. Ich möchte fürs Erste nicht absolut denken und all diese Vorstellungen, da sie uns durch die Jahrhunderte verfolgt haben, ohne dass besagte Götter aufgetaucht sind, eher als Wink mit dem Zaunpfahl unseres eigenen, inhärenten Potentials zur Entwicklung verstehen. Es gibt keine Perfektion. Aber es gibt durchaus Wege in Richtungen, die wir beschreiten könnten, so wir nur wollten. Perfektion ist etwas für Leute, die einen Zustand erreichen und halten wollen, weil er in ihren Augen nicht mehr besser werden kann oder soll. Die Dinge sollen so bleiben, wie sie sind, und dann kommt irgendwann die Rente und danach der Tod. Wenn man im eigenen Saft sitzt, darf man sich nicht wundern, wenn es anfängt zu stinken. Wir können uns aber auch fortbewegen und uns verbessern. Ich würde mir eine Menschheit wünschen, die nicht den Status Quo idealisiert und „unseren Wohlstand“ erhalten möchte oder andererseits einem diffusen „Wirtschaftswachstum“ hinterherläuft, von dem keiner genau sagen kann, wohin es denn genau wachsen soll. Eine Menschheit, die sich angstfrei dem Fortschritt und der eigenen Weiterentwicklung verschreibt, fände ich erstrebenswert. Angefangen bei eigenverantwortlichen Anstrengungen des Einzelnen für sein persönliches Leben, bis hin zur gemeinsamen Kolonialisierung anderer Planeten. Es gibt genug Möglichkeiten, der Himmel steht uns offen. Aber dafür müsste man sich anstrengen und zusammenreißen. Sich bilden und mit dem Nachbarn Frieden schließen. Vermutlich sind wir noch nicht so weit. Möglicherweise fallen wir auch eher wieder in die Barbarei zurück.

 

Wie kann sich deine Leserschaft Ben Void als Privatperson vorstellen? Berichte mal ein bisschen was von dir und welchen Platz du in der Welt einnimmst.

 

Eigentlich hätte ich der perfekte Arbeitslose werden können, da ich von Natur aus ziemlich faul bin und nur wenig hohe Ansprüche an meinen Alltag stelle. Ich komme mit wenig zurecht. Jedoch habe ich auch noch ein paar Träume und langfristige Ziele, die ohne Geld nicht zu erfüllen sind. Als Strategie zur Verwirklichung wählte ich irgendwann einmal einen anerkannten, bürokratischen Ausbildungsberuf und gehe diesem nun erneut, nach einem gescheiterten Psychologiestudium, in einer regelmäßigen Angestelltentätigkeit nach. Das Studium habe ich leider verhauen, da mir die Statistik scheinbar nicht lag. Schade eigentlich. Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, dass Leute mir ihre Probleme von einer Couch aus erzählen und ich ihnen für einen übertrieben hohen Stundenlohn etwas Kluges darauf sage. :D

Die Zeit hat mir gezeigt, dass meine Lebensvorstellungen funktionieren, vorausgesetzt, ich tue etwas dafür. Ich bin jetzt fast in meinem 33-sten Lebensjahr angekommen und selten so zufrieden gewesen, wie es für mich läuft. Da ich jedoch im Grunde Zeit meines Lebens immer eine chronisch unzufriedene Person war, ist da noch viel für mich herauszuholen. Und sollte ich tatsächlich einmal dauerhaft zufrieden sein, dann ruft bitte jemand einen Arzt. Möglicherweise ist dann irgendwas in meinem Kopf kaputt gegangen, zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis.

Da ich auf der einen Seite so ungeheuer faul und antriebsarm bin, aber auf der anderen Seite auch immer hohe Ansprüche an mich selbst gestellt habe, musste ich mir im Laufe der Zeit Strukturen erschaffen, die mir helfen, meinen Zielen auf möglichst angenehmen Wegen entgegenzukommen. Auf Menschen, die mich nicht persönlich kennen, wirke ich deswegen sicherlich etwas seltsam und aufgrund meiner Organisiertheit vielleicht sogar ein wenig versteift und langweilig. Ich verplane meine Zeit gern im Voraus und benutze einen Terminkalender, der mir hilft, wichtige Dinge regelmäßig zu tun, da ich sie ansonsten womöglich vergessen würde. Ich führe mittlerweile über viele mir wichtige Dinge und Ereignisse Excel-Tabellen und zerstückele meine Projekte in Listen mit Unterlisten. Von Minuten auf dem Crosstrainer über verbrauchte Kilowattstunden, konsumierte Literatur bis hin zu gerauchten Zigaretten und getätigten Investitionen führe ich über alles Buch. Ich will alles im Auge haben, und es darf nicht mehr als fünf Minuten meiner Zeit im Alltag kosten, denn ich langweile mich schnell, und wenn ich mich langweile, neige ich dazu, meine Zeit mit schnell konsumierbaren Ablenkungen zu verschwenden, die im Kern keinem höheren Zweck dienen und leider auch kein kreatives Chaos fördern. Meine Zeit ist mir mittlerweile sehr kostbar geworden. Deswegen musste der Fernseher schon vor Jahren meine vier Wände verlassen. Dafür habe ich jedoch mehr Zeit an anderen Orten, zum Beispiel in der Küche verbracht und dort wichtige Dinge gelernt.

Ansonsten treffe ich mich gerne mit einer Handvoll wertvoller Menschen und am liebsten, ohne dabei etwas Weltbewegendes oder gar Geplantes zu tun. Ich gehe ungern auf Veranstaltungen und meide große Versammlungen. Der kleine Rahmen ist mir der liebste. Nichts geht über eine gute Zwiesprache bei einem Bier. Alle Jubeljahre jedoch und meist spätestens an Halloween, lade ich mir alle zusammen nach Hause ein und gebe dann meist unter seltsamen Namen, wie zum Beispiel „Die garstige Brillenschlange“ irgendwelche Themenabende, die häufig recht gut besucht sind und offenbar auch meinen Gästen Freude bereiten.

 

Hattest du schon immer eine nihilistische Weltsicht, oder wie kam diese Denkweise zustande?

 

Ich sehe Nihilismus mehr als eine erfahrbare Tatsache an und nicht als eine Art Ideologie oder ein Interesse, das ich aktiv verfolge. Im Gegenteil, ich versuche mein Leben eben nicht nihilistisch auszurichten, sondern stattdessen einen auf meinen individuellen Vorstellungen basierenden Mehrwert zu erschaffen, um ein möglichst schönes Leben zu haben, wie es mir gefällt. Nihilismus entzieht den Dingen Bedeutung, aber nur ich selbst bin in der Lage, Bedeutung zu erschaffen.

Nihilismus bietet lediglich eine wertvolle Grundsatzlektion und es liegt dann bei uns, was wir daraus schließen wollen. Möglicherweise gibt es keinen objektiven Sinn von auch nur irgendetwas. Ich sage bewusst möglicherweise, denn vielleicht liegt es auch nur an den mich beschränkenden Wahrnehmungsinstrumenten, dass ich den großen Plan nicht erkenne – was für mich persönlich hier und heute jedoch in den gleichen Resultaten münden würde. Ich und was ich mir selbst als wichtig erarbeite sind die höchsten Instanzen und der göttliche Plan, der meine Existenz rechtfertigt. Nihilismus ist hierbei für mich ein „grund-legendes Den-Boden-unter-den-Füßen-wegziehen“, um in höchstmöglichem Maß genau den Strukturen und Prinzipien zu entkommen, die nicht meine eigenen sind.

Ich glaube, die großen, etablierten Weltbilder, Religionen, oder von deren Grundprinzipien abgeleiteten Wertestrukturen, die heutigen gesellschaftlichen Übereinkünfte, beinhalten sehr viel mehr objektive Sinnlosigkeit. Unser Gesellschaftsvertrag, den wir alle ohne unser Zutun abnicken müssen, basiert auf Zwang, Gewalt und der Akzeptanz des Todes und seiner Verschleierung als großem Erlöser. Es gehört zum guten Ton, dass wir den Löffel wieder abgeben, der uns anfangs mit großem Tamtam in die Hand gedrückt wurde, ohne dass wir danach gefragt wurden. Das ist Kontrolle, basierend auf uns eingeflößten Schuldgefühlen. Schuldgefühle halten Dinge zusammen, die nicht zusammengehören. Ist das gerecht, sinnvoll oder gar irgendwie heilig?

 

Was bedeuten für dich Religionen?

 

Es handelt sich dabei um alte Vermessungssysteme für Wahrnehmung und Umgang mit der Welt, die sich im Laufe der Zeit zu beeindruckend großen Manipulationsindustrien entwickelt haben. Ich denke, es ist sicherlich nicht unnatürlich, dass wir überhaupt Religionen entwickelt haben. Je filigraner unsere Kommunikation wurde, desto besser wurde auch unsere Wahrnehmung für die Natur in uns, um uns herum und die damit verbundenen Abläufe.

 Kommunikation schuf gemeinsame Nenner zwischen den Individuen und da, wo wir im Unklaren waren, interpretierte man halt das Wirken eines unsichtbaren Wesens in die Landschaft. Richtig interessant wird das ab dem Punkt, ab dem man in der Lage ist, solche unsichtbaren Wesen und ihre vermeintlichen Wirkungen gegen einen Menschen einzusetzen, um ihn zu kontrollieren. Wenn diese Person dann das System mittels Indoktrination verinnerlicht hat, kontrollieren wir sie quasi mittels einer memetischen Fernsteuerung. Es klappt wunderbar und anstatt vieler kleiner Götter, haben wir heute eine Handvoll richtig großer, in deren Namen Weltreiche errichtet und andere vernichtet wurden.

Ich sehe die Götter und ihre vermeintliche Ordnung als den ersten Versuch unserer Vorfahren, eine Idee von Objektivität zu entwickeln. Heute haben Atheismus und Wissenschaft in vielen Teilen der Welt die Religion als Vermessungssystem abgelöst oder zumindest sinnvoll ergänzt. Die Gaußsche Glockenkurve ist auf diesem Gebiet eindeutig eine Verbesserung, denn diese macht einem keine Vorschriften und neigt auch nicht aus sich selbst heraus zur Gewalt, solange wir uns vor Lobbyismus und Meinungsmonopolen in Acht nehmen. Große Tiere müssen nicht böse sein, aber man sollte Respekt vor ihnen haben und sie im Auge behalten.

Die großen Vertreter der Weltreligionen sollten als die Wirtschaftsunternehmen wahrgenommen werden, die sie sind, und anderen Wirtschaftsunternehmen gleichgestellt werden, um zu testen, was von ihren Produkten im Angesicht des neuen Vermessungssystems übrig bliebe. Gerne kritisiere ich auch hier die Indoktrination von kleinen Kindern. Niemand sollte in ein Glaubenssystem hineingeboren werden, sondern sich auf Basis eigener Überlegungen dafür oder dagegen entscheiden dürfen. Ich bin im allgemeinen eher gegen Verbote jeglicher Art und auch einseitiges Denken sollte nicht verboten werden, aber es wäre doch schön, könnte man zukünftig Wege entwickeln, jungen Menschen ihre geistige Nicht-Verhaftung so lang wie möglich zu erhalten, bis sie mehr als nur einen groben Überblick davon erhascht haben, was in der Welt so geglaubt wird.

 

Wäre Unsterblichkeit eine mögliche Option für dich?

 

Wenn wir sie so definieren, dass ich zu jedem Zeitpunkt noch dazu in der Lage bin, zu entscheiden, ob und unter welchen Umständen ich mein Leben vielleicht trotzdem beenden möchte, dann herzlich gerne.

Weder einem Menschen, noch einem Gott, keinen vermeintlichen Naturgesetzen und keinem zufälligen Auto, das zu schnell meinen Weg kreuzt, sollte das Recht zustehen, mich umzubringen. Der Tod sollte lediglich eine Option sein, über die der Einzelne die ganze Verfügungsgewalt hat. Alles andere ist prinzipiell eine Frechheit.

Leider wird das Thema biologische Unsterblichkeit immer noch als Utopie abgetan, was unter anderem auch daran liegt, dass wir selbst in einer wissenschaftlich geprägten Gesellschaft wie heute, immer noch unbewusst den alten (religiösen) Märchen erliegen und glauben, der Tod müsse zwangsläufig zum Leben dazu gehören, einzig weil das bisher immer so war.

Und auch, wenn in dieser „aufgeklärteren“ Zeit einige Menschen möglicherweise ganz reale spirituelle Erfahrungen machen, heißt das im Umkehrschluss trotzdem nicht, dass es deswegen auch ein himmlisches Paradies gibt, oder wir nach dem Ableben sonst irgendwie als Geistwesen durch die Gegend wabern.

Wir haben in der Geschichte unserer Spezies gezeigt, dass wir durch Forschung dazu in der Lage sind, unsere biologische Lebensspanne zu expandieren. Und im Laufe der Zeit hat sich dabei auch unsere Definition vom Tod geändert oder zumindest die „rechtlich wirksame“ Definition, ab wann wir einen Menschen mit diesem Etikett „tot“ bewerten und damit seine „sterblichen Überreste“ der Entropie überlassen.

Dies war im Regelfall immer der Zeitpunkt, ab dem wir, mit den uns gegebenen Mitteln der betreffenden Person nicht mehr zum Weiterleben verhelfen konnten. Früher einmal galt jemand als tot, wenn sein Herz aufhörte zu schlagen. Seit 1993 erst sind wir beim sogenannten „Hirntod“, der auch gesetzlich sehr genau eingegrenzt ist.

Mittlerweile haben wir ein gutes Bild davon, wie sich das Altern des menschlichen Körpers biologisch darstellt und ich bin zuversichtlich, dass sich durch weitere Forschung auch weiterer Fortschritt auf diesem Gebiet einstellt, der zu praktisch verwertbaren Resultaten führt. Für Immortalisten und Transhumanisten ist dies eine sehr spannende, wenn auch unvernünftige Zeit, in der wir leben. Es werden viele Fortschritte gemacht und es kommen fabelhafte Ideen auf, die jedoch nur punktuell ihren Weg in den menschlichen Alltag finden, wo sie dann zumeist als Neuaufguss der Frankenstein Geschichte verrissen und verlacht werden.

Das Internet ist hier die beste Anlaufstelle für Menschen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen wollen. Ich kann nur sagen, nur Mut, es lohnt sich. Betrachtet dieses Thema als ein mögliches Gegenteil zur allumgreifenden Morbidität der Zeit, in der wir leben, mit all ihren düsteren Zukunftsverheißungen. Möglicherweise ist die Zukunft doch kein Ort voller Qual und Pein und unser Glaube daran nur eine moderne Version der Offenbarung des Johannes.

Letztlich noch einmal: Ein Mensch, der ein glückliches Leben führt, sollte das fundamentale Recht besitzen, selbst zu entscheiden, ob und wann er abtreten möchte – alles andere ist Totenkult und Paradiesglaube. Seht euch eine Katze an. Wenn sie immer bei bester Gesundheit wäre und niemand sie schlecht behandelt, glaubt ihr, sie würde schwermütig werden und sterben wollen? Ein Delfin etwa? Ein Schimpanse? Oder ein Blauwal? Diesen Irrsinn hat der Mensch sich ausgedacht, zu Zeiten, als der Tod ertragen werden musste, weil er alternativlos war. Vielleicht wird unsere Generation das auch noch müssen. Vielleicht auch noch die nächste und die übernächste. Vielleicht wird es erst ein kollektives Umdenken geben, wenn die ersten 150-Jährigen ohne Rollator herumlaufen. Wir stehen dahingehend auf der Schwelle zu einer interessanten Zeit. Andererseits ist es natürlich auch möglich, dass wir uns zurück in die Steinzeit bomben. Menschen neigen zur Impulsivität und viele haben sich nicht unter Kontrolle.

 

Wie denkst du über Katzen? Immerhin waren diese Tiere für dein neues Buch nicht ganz unwichtig.

 

Die ersten 25 Jahre meines Lebens etwa gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht mindestens einem Mitglied dieser Spezies begegnet bin. Meine Familie, allen voran meine Großmutter, hatte viele Katzen. Ich kann mich nicht daran erinnern, je zwei Exemplaren mit derselben Persönlichkeit begegnet zu sein. Sie sind so individuell, wie Menschen es sein können. Du findest sämtliche Archetypen in unterschiedlichsten Konstellationen. Da hätten wir den alten Weisen, den finsteren Schurken, den selbstbezogenen Schönling, die stolze Madame, die alte Kratzbürste, den Eigenbrötler und so weiter. Man muss nicht zwingend mit ihnen befreundet sein, um trotzdem gut mit ihnen klar zu kommen. Mit manchen lebt man auch einfach nur gut nebeneinander her, wie mit Arbeitskollegen. Mit manchen kommst du nie zurecht und mit anderen verstehst du dich, als hättet ihr eine telepathische Verbindung. Katzen sind so, wie Menschen eigentlich sein sollten, aber nicht sind, wegen all der seltsamen Philosophien, die wir uns zurechtgesponnen haben. Sie machen sich auch keine Vorwürfe, haben kein Scham- und kein längerfristiges Schuldgefühl – also zumindest die meisten nicht, ein paar Ausnahmen sind mir aber bekannt. Und sie kommen mit all dem prima klar. Außerdem würden sie uns wahrscheinlich fressen, wären sie etwas größer. Etwas, über das wir zu selten nachdenken.

 

Was glaubst du, wie Katzen über Menschen denken?

 

Ach, ich glaube, wenn sie sich nicht aus irgendeinem irrationalen oder rationalen Grund vor uns fürchten, sehen sie in uns so ein Zwischending zwischen gleichwertigem Geschäftspartner und Angestellten zum Zeitvertreib. Sie sind den Menschen in der westlichen Gesellschaft, zumindest wie diese sich gerne selbst betrachten, gar nicht unähnlich.

 

Hat die westliche Zivilisation ihren Zenit der Entwicklung längst überschritten und steuert nun unaufhaltsam dem Untergang entgegen?

 

Gute Frage. Keine Ahnung. Auf der Bühne der Welt gehen seltsame Dinge vor, aber ich gestehe, je mehr ich darüber konsumiere, desto weniger klar wird mein Bild von dem, was eigentlich passiert. Der Informationskrieg trägt für mich bei allen Gegensätzen, die er aufwirft, nur wenige Früchte. Ich möchte mich auch gar nicht mehr wirklich zum Zeitgeschehen positionieren, wie es in den sozialen Netzwerken üblich ist. Ich erkenne keine absolute Wahrheit auf keiner Seite. Ich sehe nur, wie man sich gegenseitig zerfleischt, wie man reaktionär bellt, auch wenn man sich vermeintlich weltoffen gibt. Das Tagesprogramm besteht aus Post-hoc-Interpretationen bei unklarer Datenlage. Jede dieser Handvoll Perspektiven, zivil wie öffentlich, hat ihre Entscheidungen längst getroffen und presst nun alles was ihr begegnet durch ihren weltanschaulichen Filter, ob es passt oder nicht. Alle sind so überzeugt, dass sie Recht haben. Ich versuche, mich möglichst nicht daran zu beteiligen, denn ehrlich gesagt hege ich keine Ambitionen die Welt zu retten oder die Menschen durch mein Gefasel vor sich selbst zu beschützen.

Vermutlich wird es irgendwann wieder knallen bei so viel Reibungswärme. Wirklich schade, aber das ist dann halt so.

 

Danke für das Interview,  Ben. Die letzten Worte gehören dir.

 

Eine gute Stelle um mich noch einmal bei Andreas Lehmeyer, dem Vater der Eulenkatzenbabys (!!!), für seine hervorragenden Zeichnungen zu bedanken! Ich staune jetzt noch jedes Mal, wenn ich im Buch blättere und kann kaum glauben, dass wir dieses schöne Stück Arbeit so gut hinbekommen haben. Der interessierte Leser sei noch einmal darauf verwiesen, dass viele von Andreas' Werken auch auf seiner Internetseite zu finden sind.

Ansonsten? Was gibt es, ganz grundsätzlich zu sagen? Im Prinzip ist alles Gesagte nur Geschwätz, wenn es keine neuen Erfahrungen oder sonst einen praktischen Nutzen mit sich trägt. Ihr müsst meine Bücher nicht kaufen und ihr müsst sie schon gar nicht lesen. Wenn ihr sie lest, müsst ihr nichts daraus glauben. Generell, glaubt mir nicht und anderen auch nicht. Glaubt niemandem auch nur ein Wort. Es gibt viel zu viele Leute, die kluges Geschwätz absondern, wie eine verschnupfte Nase ihren Schleim. Dieses Geschwätz hört sich richtig an, nur weil es irgendwie in sich geschlossen ist und schöne, kräftige Bilder verwendet. Hinterfragt alles. Entwickelt Konzepte, die ein kluges Hinterfragen überhaupt erst möglich machen. Ansonsten werdet ihr vielleicht selbst zu einem in sich geschlossenen Geschwätz, zu einer alten Leier. Davon haben wir mittlerweile mehr als genug.

Ben Void will return. Oder so ähnlich.

Und jetzt entschuldigt mich, ich habe den Teufel zu tun.

 

(Das Interview führte Uwe Siebert / Pandämonium Verlag mit Ben Void)